Heimat und gesellschaftlicher Zusammenhalt – junge Lebenswelten im ländlichen Raum?

Anna Hofmann, ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

Auf welchen Wegen kann der Zusammenhalt im ländlichen Raum gestärkt werden? Insbesondere dort, wo immer weniger junge Menschen leben und die Bevölkerung immer älter wird? Dort, wo der Verlust nicht nur ein Gefühl, sondern eine seit Jahren gelebte Realität geworden ist?

Die Frage, wie man der Abwanderung junger Menschen aus den ländlichen Regionen mit neuen Ideen begegnen kann, steht auch am Ursprung des WIR-Projekts. Die verschiedenen Aktionen vereint der Fokus auf die Themen: Heimat, Land und Jugendkultur. Heimatvorstellungen und Lebensverhältnisse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Kleinstädten und ländlichen Regionen, die im Rahmen der Studie sowie den Projektworkshops, Barcamps und Festivals untersucht werden, nehmen dabei einen zentralen Platz ein. Es geht in erster Linie um Bedürfnisse, Erwartungen und Probleme der jungen Generationen: Um den ländlichen Raum attraktiver für diese Altersgruppe zu gestalten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, brauchen wir dringend neue, junge Ideen. Die kulturelle und zivilgesellschaftliche Sicht auf die Entwicklungen vor Ort dürfen an dieser Stelle nicht fehlen!

Der Begriff „Heimat“ – ein Gefühl der Vertrautheit und Zugehörigkeit in einem bestimmten geografischen Raum – hat zurzeit große Konjunktur und befeuert politische und gesellschaftliche Debatten. Der ländliche Raum steht in diesem Kontext symbolisch für Verwurzelung und Tradition, seine demografische Krise hingegen für den Heimatverlust im globalen Zeitalter. Haben im 19. und 20. Jahrhundert in Folge der Industrialisierung viele Menschen ihre ländliche und dörfliche Heimat verlassen, um in den Fabriken Arbeit und in den Städten neuen Lebensraum zu finden, so werden die gesellschaftlichen Umbrüche im 21. Jahrhundert vor allem auf die Globalisierung zurückgeführt: Grenzüberschreitende Migrationen nehmen zu; wirtschaftliche Verflechtungen zwischen den verschiedenen Erdteilen werden immer stärker; unser Alltag findet nicht nur lokal, sondern dank digitaler Technologien auch global statt.

Die neuen Möglichkeiten bringen viele Chancen mit sich und eröffnen neue Welten und Perspektiven. Trotzdem werden sie nicht selten von einem Gefühl des Verlusts begleitet – einem Verlust der Vertrautheit mit dem Herkunfts- und Lebensort, häufig einem Gefühl der Verunsicherung durch das „Fremde“ und „Unbekannte“. Ein wichtiger Faktor für den Zusammenhalt in unseren Gesellschaften muss neu verhandelt werden: die emotionale Verbundenheit und Identifikation mit seiner Region – mit ihrer Natur, Landschaft und den dort lebenden Menschen, mit ihrer Geschichte und den Traditionen.

Aktuelle Studien zeichnen ein düsteres Bild einer demografischen Spaltung in Deutschland: Die urbanen Großräume wachsen stetig, während das Land weiträumig schrumpft. Je peripherer die jeweilige Region gelegen ist, desto schneller soll in den nächsten Jahren der Bevölkerungsschwund ausfallen.i In Ostdeutschland ist die Situation besonders dramatisch. In Folge mehrerer Wellen von Massenabwanderung von Ost nach West leben heute dort insgesamt nur so viele Einwohner wie im Jahr 1905. In einigen ländlichen Regionen sind die Bevölkerungszahlen sogar noch stärker zurückgegangen und gleichen dem Stand von Mitte des 19. Jahrhunderts.ii Der demografische Wandel und seine Konsequenzen sind dort schon heute besonders sichtbar, denn vor allem junge Menschen verlassen ihre ländliche Heimat auf der Suche nach neuen Perspektiven.

Das Aufwachsen auf dem Land und die Situation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den von Strukturschwäche, Abwanderung und Alterung betroffenen Regionen gehören daher zu den wesentlichen Aspekten der gesellschaftlichen Debatte über die Zukunft der ländlichen Räume. Wissenschaft und Politik sind auf der Suche nach Lösungsansätzen für die aktuellen und künftigen Probleme, wie es zum Beispiel die vom Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer finanzierte Studie des Deutschen Jugendinstituts „Jugend im Blick – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen“ deutlich machtiii. Sie analysiert die Teilhabechancen der Jugend in strukturschwachen ländlichen Regionen und berücksichtigt dabei sowohl die Sicht der politischen Akteure als auch die der jungen Menschen selbst. Im Ergebnis steht fest, dass die Entscheidung zwischen „Gehen“ oder „Bleiben“ in der Heimatregion entlang solcher Faktoren wie Mobilität und Kommunikation, Netzwerke von Gleichaltrigen und Freizeitangebote sowie Ausbildungs- und Berufsperspektiven getroffen wird.

Das Projekt „WIR. Heimat – Land – Jugendkultur“ richtet den Blick auf Jugendkulturen und Jugendszenen in der Provinz, einen bislang wenig erforschten und kaum beachteten Bereich. Es eröffnet neue Zugänge und ermöglicht ein besseres Verständnis für die diversen Lebenslagen junger Menschen außerhalb der urbanen Zentren.

Die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius versteht sich als Teil der Zivilgesellschaft und möchte insbesondere den Austausch zwischen Wissenschaft, Kultur und Politik fördern: Durch neues Wissen, informierte Diskussion und einen offenen Dialog über die Grenzen der traditionellen Sektoren und Generationen hinaus wollen wir dazu beitragen, den Zusammenhalt zu stärken und innovative Lösungen für gesellschaftliche Problemlagen zu finden.

Wir sind gespannt auf die Studienergebnisse und wünschen den Projektverantwortlichen und den regionalen Projektpartnern gutes Gelingen!

i Manuel Slupina, Susanne Dähner, Lena Reibstein, Julia Amberger, Frederick Sixtus, Jennifer Grunwald und Reiner Klingholz, „Die demografische Lage der Nation. Wie Zukunftsfähig Deutschlands Regionen sind“, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2019.

ii Felix Rösel, „Die Wucht der deutschen Teilung wird völlig unterschätzt“, in: ifo Dresden berichtet, 2019, 26, Nr. 03, 23-25.

iii Sarah Beierle, Frank Tillmann, Birgit Reißig, „Jugend im Blick. Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen. Projektergebnisse und Handlungsempfehlungen“, Deutsches Jugendinstitut e.V. 2016.